Wir alle haben schon einmal einen Patienten auf eine Weise gehen sehen, die – manchmal zu schnell – als „pathologisch“ bezeichnet wird. Sensen-Gang, Rekurvatum, Gangasymmetrie, eingeschränkte Belastung… All dies sind klinische Anzeichen, die oft als zu korrigierende Mängel interpretiert werden. Doch was wäre, wenn wir unsere Sichtweise ändern würden? Und wenn diese atypischen Gangbilder in Wirklichkeit intelligente Anpassungsstrategien des Körpers wären?
Eine Strategie, kein Fehler
Was wir gemeinhin als „Gangfehler“ bezeichnen, ist oft eine vollkommen logische Antwort auf eine tatsächliche Einschränkung. Der Körper irrt sich nicht: Er organisiert sich, um die Funktion trotz Hindernissen aufrechtzuerhalten. Er kompensiert eine Schwäche, einen Schmerz, ein motorisches oder sensorisches Defizit. Es ist eine Strategie, keine Ungeschicklichkeit.
- Das Problem ist nicht der Gang.
- Es ist das, was er zu kompensieren versucht.
Wenn Kompensation zur Lösung wird
Nehmen wir einige Beispiele:
- Sensen-Gang ➜ Strategie bei mangelnder Kniebeugung.
- Rekurvatum ➜ Antwort auf eine Schwäche des Quadrizeps.
- Gangasymmetrie ➜ Anpassung bei Plantarschmerzen.
- Mangelnde Belastung ➜ Schutz eines instabilen oder spastischen Fußes.
Diese „Anomalien“ sind also effektive Lösungen… in einem bestimmten Kontext.
Behandeln bedeutet nicht, den Gang zu korrigieren, sondern zu verstehen, warum er sich verändert hat
Die Versuchung, die Bewegung direkt zu korrigieren, ist groß: die Fußstellung neu zu trainieren, Symmetrie zu erzwingen, das richtige Schema aufzuzwingen. Doch solange die zugrunde liegende Einschränkung besteht, wird der Körper immer zu seiner ursprünglichen Strategie zurückkehren.
- Die richtige Bewegung neu zu lernen, reicht nicht aus.
- Man muss das Hindernis beseitigen. Die Ursache behandeln.
- Wenn die Einschränkung verschwindet, verschwindet auch das Bedürfnis zu kompensieren.
Ein Perspektivwechsel für eine bessere Rehabilitation
Was wäre, wenn wir statt Mängeln Lösungen sehen würden?
Und wenn jedes „pathologische Gangbild“ eine zu entschlüsselnde Botschaft wäre, anstatt ein zu korrigierender Fehler?
Nur wenn wir diese Strategien verstehen, können wir unsere Patienten wirklich begleiten. Denn hinter jeder atypischen Bewegung steckt ein Bemühen des Körpers, Autonomie, Gleichgewicht und Effizienz zu erhalten.
Lernen wir, den Gang zu lesen… um diejenigen besser zu begleiten, die ihn erleben.






