Zerebrale Plastizität: Ein falscher Freund in der Schlaganfall-Rehabilitation?
Als Physiotherapeuten wird uns gelehrt, dass die zerebrale Plastizität eine enorme Chance zur Reorganisation nach einer neurologischen Läsion ist. Sie wird oft als Verbündete, als Motor für Lernen und Genesung dargestellt.
Doch in der Klinik kann diese Plastizität zu einer Falle werden. Denn das Gehirn speichert nicht „die richtige Bewegung“, es speichert
Der Schlaganfallpatient: Ein Kontext von Einschränkungen
Nach einem Schlaganfall müssen Patienten mit einer Vielzahl von Defiziten umgehen: Spastik, Kraftverlust, Gleichgewichtsstörungen, Schmerzen, Deformitäten, kognitive Störungen… Hinzu kommen Umweltfaktoren: Bodenbeschaffenheit, Qualität der Schuhe, technische Hilfsmittel (oder deren Fehlen), Ablenkungen, Angst vor Stürzen.
In diesem Kontext tut der Patient, was er kann: er passt sich an.
Diese Anpassungen sind oft kurzfristig wirksam. Sie ermöglichen es, zu gehen, sich fortzubewegen, etwas autonomer zu sein. Das sind Kompensationen. Und solange sie eine konkrete Lösung bieten, werden sie verstärkt, wiederholt, integriert. Das Gehirn übernimmt sie.
Beispiel: Der Säbelgang
Nehmen wir einen häufigen Fall: einen hemiparetischen Patienten mit einer Quadrizepsspastik. Diese Spastik verhindert, dass sich der Muskel während der Schwungphase des Gehens richtig entspannt. Ergebnis: Das Knie beugt sich nicht ausreichend, und der Fuß droht am Boden hängen zu bleiben.
Angesichts dieser Einschränkung findet der Patient eine Lösung: Er führt eine Säbelgangbewegung (Hüftzirkumduktion) aus, um zu verhindern, dass sein Fuß schleift. Und das funktioniert.
Er fällt nicht. Er kommt voran. Er wird es also wiederholen. Und jede Wiederholung verstärkt diese Strategie, da sie funktional ist.
Das Problem ist, dass das Gehirn diese Bewegung schließlich als Norm abspeichert. Selbst wenn es später gelingt, die Spastik zu reduzieren (durch Botulinumtoxin, Neurotomie, …), kann der Patient weiterhin den Säbelgang ausführen, obwohl er ihn nicht mehr benötigt.
Sein Bewegungsmuster hat sich geändert. Es wurde gelernt. Es wird dann notwendig sein, das zu dekonstruieren, was der Körper etabliert hat, und das erfordert viel mehr Arbeit, als wenn die Kompensation im Vorfeld vermieden worden wäre.
Was uns die negative Plastizität lehrt
Die Plastizität unterscheidet nicht zwischen einer guten oder schlechten Strategie. Sie verstärkt das, was funktioniert. Aus neurologischer Sicht ist jede effektive Anpassung validiert.
Deshalb ist es unsere Aufgabe in der Rehabilitation, so weit wie möglich zu vermeiden, dass der Patient kompensieren muss.
Das bedeutet:
- frühzeitig auf die Ursachen der Defizite einzuwirken (Spastik, Instabilität, Schmerzen…),
- angepasste technische Hilfsmittel anzubieten, die Sicherheit und Flüssigkeit bieten,
- ein Umfeld zu schaffen, das einen symmetrischeren, natürlicheren Gang fördert.
Ein einfaches Prinzip: Weniger Einschränkungen = weniger Kompensationen
Je mehr sich der Patient in einer „normalen“ Situation (ohne größere Einschränkungen) bewegt, desto größer sind seine Chancen, einen Gang nahe dem erwarteten Standard anzunehmen.
Im Gegenteil, wenn man die Kompensation sich etablieren lässt, wird sie schnell zu einem Reflex, einer motorischen Gewohnheit, einem neuen Standard für das Gehirn. Und genau dieser Gang wird durch die Plastizität verstärkt.
Fazit
Die zerebrale Plastizität kann ein enormes Lernpotenzial bieten. Sie kann aber auch ein Muster festigen, das man als temporär gewünscht hatte. Deshalb ist es entscheidend, frühzeitig, an der Ursache, einzugreifen und den Patienten in Bedingungen zu versetzen, die ihn nicht zum Kompensieren zwingen.
Ein ungünstiges Bewegungsmuster umzulernen ist immer schwieriger, als es zu vermeiden.








