Das Knierecurvatum oder Genu recurvatum ist eine Deformität des Knies, die durch eine Überstreckung des Knies in der Standphase beim Gehen gekennzeichnet ist. Es handelt sich um eine Gangstörung, die häufig in der neurologischen Rehabilitation von Erwachsenen beobachtet wird, insbesondere nach einem Schlaganfall, einer Hemiparese oder im Zusammenhang mit einer angeborenen Fehlbildung. Das Phänomen ist mit bloßem Auge erkennbar und stellt keine eigenständige Erkrankung dar, sondern die Überstreckung des Knies weist auf eine zugrunde liegende Ursache hin, die unbedingt identifiziert werden muss, um eine wirksame Korrekturstrategie vorschlagen zu können.
In diesem Artikel werden 8 Ursachen oder begünstigende Faktoren für das Knierecurvatum besprochen, die aus 22 Jahren klinischer Erfahrung in der Neurologie hervorgegangen sind.

Was ist ein Knierecurvatum (Genu recurvatum)?
In der Standphase des Schrittes bleibt das Knie nicht leicht gebeugt, sondern verriegelt sich in Überstreckung. Diese Haltung kann erzwungen sein (physischer Effekt) oder willentlich eingenommen werden (nützliche Kompensation). Das Genu recurvatum ist oft ein multifaktorielles Symptom.
Wie erkennt man ein Recurvatum-Knie und welche Symptome treten auf?
Das Recurvatum des Knies äußert sich durch die folgenden Anzeichen:
- Knie in sichtbarer Überstreckung während der Standphase (das Knie „knallt“ nach hinten)
- Asymmetrischer Schritt und Lahmheit
- Gefühl der Instabilität oder Verriegelung des Knies
- Langfristiger Bandschmerz bei assoziierter Bandlaxität
- Ermüdbarkeit beim Gehen
Diese Deformation kann bei statischem Stehen oder nur beim dynamischen Gehen beobachtet werden, je nach Ursache der Störung.
Was sind die Ursachen für das Recurvatum des Knies?
Es gibt zwei Hauptkategorien: mechanische Ursachen (biomechanische Belastungen) und funktionelle Ursachen (vom Patienten angenommene Kompensationen).
| Mechanische Ursachen (physikalische Wirkung) | Funktionelle Ursachen (nützlicher Ausgleich) |
| 1. Begrenzung der Dorsalflexion des Knöchels | 5. Zerebelläres Syndrom |
| 2. Hypertonie des Quadrizeps | 6. Schwäche der Knieextensoren |
| 3. Schwäche der ischiokruralen Muskulatur | 7. Schmerzen im Vorfußbereich |
| 4. Insuffizienz der Fußheber | 8. Angst vor Knieversagen |
4 mechanische Ursachen von Recurvatum: Verständnis der physikalischen Wirkung
Diese ersten mechanischen Ursachen sind biomechanische Belastungen, die das Knie dazu zwingen, sich zu überdehnen, um eine Progression zu ermöglichen. Sie stehen in direktem Zusammenhang mit einer Deformierung des Knies oder einer muskulär-artikulären Dysfunktion.
1. Einschränkung der Dorsalextension des Sprunggelenks
- Mögliche Ursachen: Hypertonie des M. triceps suralis, Muskelsteifheit, Sehnenretraktion, Gelenkbeschränkung (z.B. Arthrodese).
- Folge: Das Bein kann sich nicht richtig über den Fuß im Stand vorschieben, das Knie geht zurück (begrenzt den Drehpunkt auf dem Knöchel).
2. Hypertonie des Quadrizeps
- Der Kniestrecker drückt übermäßig in die Extension, was zu einer übermäßigen Streckung der unteren Extremität führt.
- Diese Hypertonie ist häufig nach einem Schlaganfall oder bei spastischer Hemiparese zu beobachten.
3. Schwäche der ischiokruralen Muskulatur
- Die Beugemuskeln bremsen die Streckung des Knies bei Belastung nicht mehr ausreichend (Kampf gegen die Überstreckung).
- Das Ungleichgewicht zwischen Quadrizeps und Hamstrings begünstigt ein Recurvatum, insbesondere bei fortgeschrittener Kniearthrose oder neurologischen Folgeerkrankungen.
4. Insuffizienz der Fußheber
- Die Wirkung des Fußhebers ermöglicht die Anteriorisierung des Schienbeins und des Knies zu Beginn der Standphase.
- Sein Defizit, das häufig nach einer angeborenen Fehlbildung oder einer neurologischen Verletzung auftritt, stört die Mechanik der Progression.
4 funktionelle Ursachen des Recurvatums: Kompensationen des Körpers
In diesen Fällen ist die Hyperextension eine funktionelle Strategie – eine nützliche Kompensation -, die der Patient anwendet, um trotz eines zugrunde liegenden Defizits einen sicheren Stand zu gewährleisten.
5. Zerebelläres Syndrom
- Um die Freiheitsgrade zu begrenzen und das Bein zu stabilisieren, blockiert der Patient sein Knie willentlich.
- Diese Strategie gleicht den Mangel an Koordination und dynamischem Gleichgewicht aus, der für zerebelläre Beeinträchtigungen charakteristisch ist.
6. Schwäche der Knieextensoren
- Das Recurvatum ermöglicht die „Verriegelung“ des Knies ohne Muskelanstrengung und sorgt für einen stabilen Stand trotz einer Quadricipitaschwäche.
- Dies ist eine kurzfristig nützliche Kompensation, die jedoch langfristig schädlich für die Bandstrukturen ist (Risiko der Bandlaxität).
7. Schmerzen im Vorfußbereich
- Der Patient vermeidet den vorderen Stütz und geht in den hinteren Stütz, was die Rückwärtsbewegung des Knies begünstigt.
- Diese funktionelle Ursache wird bei der Analyse der Ursachen des Recurvatums häufig unterschätzt.
8. Angst vor Knieversagen
- Aus Angst vor einem Sturz sperrt der Patient das Knie in Hyperextension, um die Standphase zu sichern, auch wenn die Kraft normal ist.
- Die psychologische Komponente spielt eine wichtige Rolle bei den funktionellen Ursachen des Recurvatums nach einem Schlaganfall.
Wie wird das Recurvatum des Knies behandelt: Behandlung und Rehabilitation
Die Recurvatum-Behandlung muss auf die festgestellte Ursache abgestimmt sein. Die wichtigsten Behandlungsansätze sind
Aktive Rehabilitation und therapeutische Übungen
Die aktive Rehabilitation ist das Herzstück der Behandlung. Hier sind 3 konkrete therapeutische Übungen:
- Arbeit an der Beweglichkeit des Knöchels: Dehnung des M. triceps suralis im Stehen an einer Wand (3 × 30 Sek.), um die Dorsalflexion wiederherzustellen und die Kompensation im Knie zu begrenzen.
- Exzentrische Kräftigung der Hamstrings: Aus dem Einbeinstand kontrollieren Sie die langsame Abwärtsbewegung (3 × 10 Wiederholungen), um die Kontrolle über die Streckung wiederzuerlangen.
- Propriozeptive Arbeit im Einbeinstand: Auf einer instabilen Platte halten Sie das Knie leicht gebeugt (3 × 30 Sek.), um das Gelenkbewusstsein als grundlegende therapeutische Übung wieder aufzubauen.
Orthesen
Die Anti-Recurvatum-Knieorthese ist ein wertvolles Hilfsmittel zur mechanischen Begrenzung der Hyperextension. Sie sichert das Gehen und ermöglicht gleichzeitig die Rehabilitation. Sie ist besonders in den ersten Wochen nach einem Schlaganfall oder bei einer erheblichen Bandlaxität zur Stabilisierung und zum Schutz des Gelenks geeignet.
Anti-Equinus-Orthesen sind ebenfalls sehr wertvoll, da sie eine der Hauptursachen für Recurvatum bekämpfen: den equinus des Fußes.

Angepasste technische Hilfen
Technische Hilfen wie der Wheeleo® fördern einen flüssigeren und symmetrischeren Fortschritt, indem sie bestimmte unangemessene Kompensationen einschränken und die posturale und propriozeptive Korrektur erleichtern.
Behandlung von Spastik
Die Behandlung durch Injektion von Botulinumtoxin und Neurotomie verbessert das Recurvatum.
Ist Genu recurvatum heilbar? Prognose und Aussichten
Die Prognose hängt direkt von der identifizierten Ursache ab. Ein funktionell bedingtes Genu recurvatum (Kompensation) ist häufig durch aktive Rehabilitation sehr gut zu verbessern. Reine mechanische Formen können eine längere Behandlung erfordern, die in Fällen von Knochendeformation oder schwerer Bandlaxität sogar chirurgisch sein kann. Bei Ursachen, die mit Hemiparese oder Schlaganfall zusammenhängen, ist das Erholungspotential je nach Ausmaß der Hirnschädigung unterschiedlich.
Warum es wichtig ist, die Ursache von Recurvatum zu identifizieren
Das Verständnis der Ursache von Recurvatum ermöglicht es, einen gezielten therapeutischen Ansatz zur Linderung von Recurvatum zu wählen und die genaue Ursache zu identifizieren:
- Arbeit an der Beweglichkeit der Gelenke (Knöchel, Knie)
- Muskelstärkung (Ischios, Quadrizeps) durch aktive Rehabilitation
- Gangschulung
- Haltungs- und propriozeptive Korrektur
- Angepasste Knieorthese, falls erforderlich
- Chirurgische oder medikamentöse Behandlung (Botulinumtoxin, Neurotomie, Tenotomie, …)
- Angepasste technische Hilfen wie der Wheeleo®.

Fazit
Das Recurvatum des Knies ist niemals harmlos: Es spiegelt ein Ungleichgewicht wider, das genau analysiert werden muss. Ob es sich um die Folge eines Defizits, einer Hypertonie oder einer Anpassungsstrategie handelt, ist es wichtig, die Ursache zu verstehen, um den Patienten auf dem Weg zu einem funktionelleren und sichereren Gang zu begleiten. Ob es sich um einen Fall nach einem Schlaganfall mit Hemiparese, eine angeborene Fehlbildung oder eine einfache mechanische Kompensation handelt, jeder Fall verdient eine individuelle Beurteilung.
Und Sie? Welche Ursachen für Recurvatum sind Ihnen in Ihrer Praxis begegnet?