In Ausbildung oder Praxis hört man häufig diesen Satz:
„Der Wadenmuskel wirkt als Kniebeuger.“
Diese Aussage behalten viele Physiotherapie-Studenten im Gedächtnis.
Doch diese Sichtweise ist unvollständig, ja sogar irreführend, sobald man die funktionelle Haltung des Patienten und die Ganganalyse betrachtet.
Wadenmuskel und geschlossene Kette: Ein Perspektivwechsel
Wenn der Fuß frei im Raum ist, wie bei einem analytischen Test in Bauchlage, kann die Kontraktion des Wadenmuskels (Gastrocnemius) tatsächlich eine Kniebeugung bewirken, aufgrund seiner Insertion oberhalb des Gelenks.
Doch beim Gehen oder einfach im Stehen ist der Fuß am Boden fixiert.
Das System befindet sich dann in einer geschlossenen Kette, und alles ändert sich in der biomechanischen Logik.
Was geschieht bei der Kontraktion des Wadenmuskels in geschlossener Kette?
Wenn sich der Wadenmuskel stark kontrahiert (willentlich oder unwillkürlich, wie bei Spastik), erzeugt er eine Plantarflexion.
Da der Fuß jedoch am Boden fixiert bleibt, überträgt sich die Bewegung nach oben:
- Das Schienbein weicht zurück,
- Das Knie wird nach hinten gezogen,
Dieses Phänomen wird durch die Bodenreaktionskraft (GRF) verstärkt, die bei der Plantarflexion vor dem Fuß verläuft. Diese Kraft erzeugt ein Extensionsmoment, das dazu neigt, das Knie in Extension zu arretieren, oder sogar ein Rekurvatum zu verursachen, wenn es schlecht kontrolliert wird.
Tonus des Wadenmuskels: Ein entscheidendes Gleichgewicht
Der Tonus des Wadenmuskels muss fein reguliert werden, um einen stabilen und funktionellen Gang zu gewährleisten:
- Ein zu tonischer Wadenmuskel drückt das Knie nach hinten → Rekurvatum,
- Ein hypotonischer Wadenmuskel stützt die Kette nicht mehr → das Knie knickt ein.
Dieser Mechanismus erklärt, warum in der Neurologie die Spastik des Wadenmuskels eine der Hauptursachen für ein Knie-Rekurvatum während des Gehens ist.
Zusammenfassend: Besser verstehen, um besser zu rehabilitieren
Die Analyse in der geschlossenen Kette ist unerlässlich, um die tatsächlichen Auswirkungen von Muskelkontraktionen während des Gehens zu verstehen.
Ein mangelndes Verständnis der Biomechanik in realen Situationen (geschlossene Kette) führt zu Analysefehlern und ungeeigneten Rehabilitationsstrategien.
Durch das Verständnis dieser biomechanischen Logik:
- verfeinern wir unsere klinische Argumentation,
- passen wir Übungen, Haltungen und technische Hilfsmittel (Orthesen, Mobilitätshilfen, …) besser an.